• Prof. Hebensperger-Hüther (rechts) mit neuem Modell war ein gefragter Gesprächspartner beim Infomarkt

Gemeinsam Wohnraum schaffen

Informationen rund um Organisationsformen des Wohnungsbaus

Videos der Kurzvorträge hier als Videos!
 
Fünf Referenten mit reichlich Erfahrung, eine im Rahmen des Hygienekonzepts voll besetzte Schulturnhalle und dichte Menschentrauben an den einzelnen Ständen beim Info-Markt, der Raum für individuelle Fragen und persönliche Gespräche bot: Das neue Veranstaltungsformat zur Bürgerinformation rund um die Planungen zum Tittmoninger Wohnquartier „Am Alten Bahnhof" kam am Freitagabend gut an. Kompetent informiert über das Bauen und Wohnen in Genossenschaften und Gemeinschaften, über geförderten Wohnungsbau und die Möglichkeit, sowohl in jungen Jahren als auch im Alter gut in Gemeinschaft zu leben, wollen die Bürgerinnen und Bürger jetzt vor allem wissen: Wie geht's weiter mit dem neuen Quartier – und wann?

Der Zeitplan, den Erster Bürgermeister Andreas Bratzdrum bei seiner Begrüßung vorstellte, ist ehrgeizig: Erschließung sowie Ausschreibung und Vergabe der Grundstücke im kommenden Jahr, Baubeginn Ende 2022 oder Anfang 2023. Bis dahin, so ließ er durchblicken, haben Stadtrat und –verwaltung noch vieles zu klären und zu entscheiden. Insbesondere der Grundstückspreis und die Kriterien der Vergabe an mögliche Käufer sind in nächster Zeit festzulegen. „Wichtig ist uns im Stadtrat die Qualität bei allen denkbaren Wohnformen", verriet Bratzdrum am Freitag. Das gelte für die Energieversorgung ebenso wie etwa für Baustoffe, Barrierefreiheit, Freiflächengestaltung, die Anbindung ans Altstadtensemble und ein zukunftsweisendes Mobilitätskonzept.

Entstehen soll am „Alten Bahnhof" idealerweise eine gesunde Mischung aus Eigentum- und Mietwohnungen, gefördertem und freiem Wohnungsbau. Beim Infoabend am Freitag ging es vor allem darum, den Interessenten Organisationsformen des Bauens und Wohnens vorzustellen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen, im ländlichen Raum aber noch nicht so verbreitet sind: Bauen und Wohnen in Genossenschaften und Baugemeinschaften. Mit geballter Kompetenz und Erfahrung gaben Christian Stupka und Kalliopi Garouba aus München einen Überblick darüber, wie beides funktioniert und was die Vorteile sind. Stupka gehörte 1993 zu den elf Gründern der WOGENO, die inzwischen tausende Mitglieder hat. Garouba, selbst einst Bauherrin und jetzt ausgesprochen zufriedene Bewohnerin in einer Münchener Baugemeinschaft, wirkt seit über zehn Jahren als Beraterin und Projektentwicklerin für diese Organisationsform. Ob als Mieter zu moderaten Preisen mit lebenslangem Wohnrecht in einer Genossenschaft oder als Eigentümer in einer Gemeinschaft: gemeinsam ist beiden, dass man sich zusammentut, um gemeinsam Wohnraum in einem Mehrfamilienhaus zu schaffen – gut und günstig, demokratisch und solidarisch, zugleich nach individuellen Vorstellungen und stark gemeinschaftsorientiert. „So wächst im Idealfall eine lebendige Nachbarschaft schon bei der Planung", so Garouba.
 
Individuell wohnen, gemeinschaftlich leben

Dass solche Modelle gerade im Alter zahlreiche Vorteile bieten, machte Alfred Bergmiller in seinem sehr persönlichen Vortrag anschaulich, der von seinen Erfahrungen in der Hausgemeinschaft „Anders leben im Alter" im Münchener Prinz Eugen-Park berichtete. Die Seniorengemeinschaft aus fünf Paaren und zwei Alleinstehenden zwischen 60 und 78 Jahren bewohnt in einem gemeinsam geplanten Haus je individuelle Wohnungen, hat dort aber unter dem Dach eines genossenschaftlichen Bauvereins zusätzlich gemeinsame Begegnungsräume für alle in offenen Laubengängen, auf dem Dach mit Garten und in einem gemeinsamen Wohnzimmer mit Terrasse geplant. Dort wird einmal wöchentlich gemeinsam gekocht und gegessen. Dass in den umliegenden Gebäuden viele junge Familien wohnen, macht das Projekt darüber hinaus zum Mehrgenerationenwohnen. „Wir hätten es nicht besser erwischen können", resümierte der pensionierte Lehrer hoch zufrieden.

Dass am Alten Bahnhof künftig möglicherweise auch geförderte Wohnungen entstehen können, machte Lothar Wagner deutlich. Der Geschäftsführer sowohl des Landkreises Traunstein als auch des 2018 gegründeten Zweckverbands Heimat.Chiemgau räumte ein, dass der Rupertiwinkel noch fehle bei den landkreiseigenen Wohnungen mit Sozialbindung. Wagner wurde sehr konkret: „Wir könnten uns durchaus vorstellen, einen Baukörper am Alten Bahnhof zu realisieren. Wenn der Stadtrat ruft, stehen wir bereit." Der Erste Bürgermeister beeilte sich zu ergänzen, dass auf dem Feld des geförderten Wohnungsbaus die Stadt möglicherweise selbst aktiv werde – und dass natürlich auch frei finanzierte Eigentums- und Mietwohnungen entstehen werden.

Fragen, Antworten und ein neues Modell

Dank konzentrierter Kurzvorträge konnte bereits um halb neun von den Frontalvorträgen umgeschaltet werden aufs Gespräch in kleinen Gruppen: An einzelnen „Marktständen" konnte das Publikum jetzt die Referenten befragen und sich Rat holen. Das Angebot wurde gut angenommen, insbesondere die Tische zu genossenschaftlichem Wohnbau und Baugemeinschaften waren regelrecht umlagert. Wie ist das, wenn in einer Baugemeinschaft alle die Erdgeschoß- oder alle die Dachwohnung wollen? Kann ich auch investieren, ohne gleich selbst einzuziehen? Wie funktioniert in der Genossenschaft der Ausgleich, wenn einer weniger einbringt und der andere mehr? Zahlreiche Fragen konnten gleich beantwortet werden, andere Antworten sind noch abhängig davon, welche Kriterien die Stadt für die Vergabe vorgibt.

Großes Interesse fand auch der Stand des Architekturbüros H2R, das gemeinsam mit den Landschaftsplanern von raum + zeit die städtebauliche Planung durchführt. Prof. Hans-Peter Hebensperger-Hüther, der einführend den aktuellen Planungsstand dargelegt hatte, zeigte am neuen Modell, wie sich das geplante Quartier jetzt darstellt. Geprägt ist es von den Grundideen, die schon beim Wettbewerb vor mehr als einem Jahr überzeugt hatten: Orientierung an der ortsspezifischen Bautypologie („Stadtbausteine"), Kenntlichmachung der ehemaligen Bahnlinie inklusive ausrangierter Eisenbahn-Wagons als Gartenschuppen, großzügige Grünflächen, Entsiegelung und Dachgärten, Clusterwohnen als Ergänzung zum konventionellen Wohnungsbau und Anknüpfen an bestehende Wegeverbindungen zu Altstadt, Bahnhof und Märkten.

Burgfeldgraben kann nicht freigelegt werden

Auf die ursprünglich geplante Freilegung des Burgfeldgrabens muss mit Rücksicht auf die topografische Situation allerdings verzichtet werden. Neu ist, dass mit dem Gelände des Städtischen Bauhofs, der in den kommenden Jahren an den südlichen Stadtrand ausgelagert werden soll, jetzt ein zusätzliches Areal einbezogen wird. Hier kann künftig eine großzügige Kindertagesstätte entstehen. „Es macht nach wie vor riesigen Spaß, dieses wunderbare Grundstück überplanen zu dürfen", hatte der Architekt in seiner Rede gesagt. Geduldig begegnete er an seinem Stand Bedenken zu Geschoßhöhe, Verkehrssituation und Flachdächern.

Sowohl Alfred Bergmiller als auch Kalliopi Garouba luden Interessierte aus Tittmoning ein, sich in München vor Ort einen Eindruck darüber zu verschaffen, was möglich ist. Wer an der Veranstaltung nicht teilnehmen konnte, hat die Möglichkeit, die einzelnen Vorträge auf der Projektwebsite alterbahnhof-tittmoning.de unter „Aktuelles" als Videos abzurufen.

Tittmoning historische Burgtage

Alfred Bergmiller (stehend) berichtete von den Erfahrungen in einer Senioren-Hausgemeinschaft

Großes Interesse an den Marktständen





Für eventuelle Fragen stehen wir gerne zur Verfügung!
Herzlichst
Stadt Tittmoning

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Erster Bürgermeister Andreas Bratzdrum

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